Archiv der 'Humustrockene Menschlichkeiten' Kategorie

Die Verkäuferin des Monats

Er lernte sie im Swisscom Shop kennen. Sie wollte ihm ein Handy samt Abo verkaufen, schlug vor, dass er den Anbieter wechselt. Doch er wollte lieber ihre Telefonnummer.

Schnell wurden sie ein Paar. Er zog bei ihr ein. Ihre Wohnung war gross und stylisch - da sie gerade befördert wurde, konnte sie es sich leisten. Nachdem er und sie fast ein Jahr zusammen waren, schaffte sie es, ihn zu einem neuen Handy zu überreden. Sie suchte ihm das passende Modell aus. Er kaufte das Zubehör, wechselte sogar zu Swisscom.

Dann verliess sie ihn.

Freier Fall

Traumforscher lassen ihre Probanten mit einem Bungeeseil von der Klippe springen, hab ich gehört.

Der erste freie Fall, ein Erlebnis, das sich tief in die Psyche eines Menschen einbrennt, sei perfekt um zu testen, wie lange es dauert, bis sich erschütternde Erlebnisse in Träumen manifestieren. Also springen die Probanten und erzählen ungefähr zwei Wochen später von ihren frischen Träumen. Faszinierend.

Ebenfalls von Interesse ist folgendes. Psychotherapie ist teuer. Schweineteuer. Und früher oder später landen wir alle da. Oft braucht man Jahre, um der Ursache eines Neuröschens auf den Grund zu gehen und schluckt im Prozess Tonnen von Pillen mit beruhigend futuristischen Namen.

Das will ich mir ersparen. Ich bin schlau. Wenn der erste freie Fall so tief in die Seele schneidet wie das die Forscher behaupten, dann betreib ich jetzt Traumakopplung. Bei jedem Ereignis oder Unfall, bei dem ich vermute, dass es mein fragiles Selbst langfristig beeinträchtigen (und arbeitsunfähig machen) kann, schieb ich noch gleich ein zweites willentlich hinterher. Ich spring irgendwo runter, setze mich zu Nashörnern in den Käfig, trinke was ätzendes oder jogge nackt um den Block, was immer gerade passt. Das zweite Ereignis hinterlässt dann in meiner Psyche eine Marke, die der Psychiater später zusammen mit dem gekoppelten Trauma leicht auffinden und entschärfen kann. Am besten ambulant.

“Ich glaube mir wurde gerade das Herz gebrochen. Sag meine Termine ab, ich geh Fallschirmspringen.”

The Human Condition

Edith liess sich aus Langeweile mit Angelo ein. Er war gut für die Phase, in der sie sich damals befand. Die Jahre vergingen und zwischen den Beiden entstand etwas, dass über die generische emotionale Abhängigkeit hinaus ging - Edith vermutete Liebe.

Doch völlig klar wurde es ihr erst, als sie fasziniert zusah, wie Angelo auf einem Zebrastreifen von einem Volvo Kombi erfasst und neun Meter durch die Luft geschleudert wurde.

Es war doch Langeweile.

Kleine Dysfunktionen

Über die Jahre hinweg hab ich all meine kleinen Dysfunktionen, mein Kopfweh, die Schweissausbrüche, gelegentliche Gefühle von Verzweiflung, Orientierungslosigkeit und Konzentrationsschwäche als normal hingenommen. Ich akzeptierte all das als Bestandteil des grossen galaktischen Eintopfes und fühlte mich gut dabei.

Doch heute weiss ich - es war der Hirntumor. Schon die ganze Zeit. Leben allgemein ist grossartig - nur nicht für mich.

Nein, besser nicht (Autisten im Weltall)

Ausserhalb seines Raumanzuges hörte ihn niemand pfeiffen. Draussen war es finster und vermutlich eiskalt. Er hüpfte nun schon seit einer halben Ewigkeit über die Rückseite des Mondes ohne dabei auf etwas Nennenswertes gestossen zu sein. Nicht ein grünes, graues oder ultra-violettes Männchen. Seine Ausbeute bestand bisher nur aus massig Mondstaub, einigen Golfbällen und einem kommunistischen Manifest in druckfrischem Zustand.

Eines Tages dann, er überquerte gerade einen gefrorenen See am Mondpol, erschien am Horizont eine silbrig glänzende, hüpfende Gestalt. Als sie näher kam, konnte er einen Raumanzug ausmachen - seinem praktisch baugleich. Durch die reflektierende Scheibe des Helmes konnte er sich nicht sicher sein, wusste aber instinktiv, dass es sich um eine Astronautin handeln musste.

Sein Sauerstoffverbrauch erhöhte sich, im Helm began ein kleines Warnlämpchen zu blinken. Er ging in Gedanken all die Dinge durch, die er ihr erzählen möchte. Er wollte wissen woher sie kam, wer sie war und wohin sie ging. Er fragte sich, wie sie wohl roch.

Sie hüpften aufeinander zu - nur noch wenige Meter. Das Eis unter ihnen began zu vibrieren. Ihre Blicke kreuzten sich. Er nickte ihr freundlich zu. Sie nickte freundlich zurück. Sie lächelten sich an - und hüpften weiter, jeder in seine Richtung.

Knifflig

Du hast sechs Ex-Freunde.

A, B und D sind hübscher als ich. B und F sind intelligenter, doch nur A ist witziger. Vor mir kam A und davor E - zweimal. B war Dein Erster. D war ursprünglich hübscher als B, ist seit seinem Snowboardunfall aber immer noch hübscher als A. Nur mit E und F konntest Du Dich “richtig” unterhalten. E lieben Deine Eltern. Jeder Deiner Ex-Freunde führt in mindestens einer Kategorie.

Aber keiner hat so Übersicht wie ich.

Was ich bis hierhin gelernt habe

Wassermelonen essen ist schwer. Hat man dazu Kleider an, werden die mit Sicherheit bekleckert und klebrig. Hat man keine an, beklagen sich die Nachbaren.

Sogar Luftballons bestehen aus Erdöl.

Humor ist, wenn man die Wahrheit sagt. Ein guter Witz ist also nichts anderes als die reine, nackte Wahrheit - erzählt mit einer lustigen Stimme.

Der liebe Gott, unser Schulsystem und Kämme haben durchaus ihren Sinn, wenn auch nicht für mich.

Speedboat fahren ist super.

Menschen machen so ziemlich alles, um ihr eigenes Verhalten zu rationalisieren. (Zum Beispiel endlos Wassermelonen essen, nur weil sie gerne nackt sind.)

Das römische Reich kollabierte, weil die Römer zu oft badeten.

Und nein, die Starbucks Kassiererin flirtet nicht mit mir. Ihr paar hundertstel Sekunden längeres Greeting-Smile ist antrainiert und Mitgrund warum mein Frappucino so teuer ist.

The Power of Love

Ich treffe mich seit einer Weile mit diesem Mädchen. Du kennst sie nicht. Sie ist anders als die andern. Der einzige (kleine) Downer an ihr ist mir erst heute aufgefallen. Ich glaube sie ist ein Zombie.

Also natürlich nicht so ein Zombie wie die aus den Filmen (Ihr Hautton ist etwas bräunlicher - mehr so der Südländertyp). Trotzdem weisen alle anderen Anzeichen auf untot. Ich persönlich habe nichts gegen Zombies, überhaupt nicht. Es beschäftigt mich einfach, da ich ja noch nie mit einem Zombie zusammen war (und bei ihr jetzt nichts falsch machen will.)

Ihr Name ist Gühhr (vermutlich rätoromanisch) und sie kann tanzen wie eine Besessene. Du solltest sie sehen, sie hat die wunderbarsten alten, tiefblauen Augen. Ich glaube das könnte echt was werden, nur weiss ich bei ihr nie woran ich bin, denn sie scheint konstant mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein.

Letzte Woche zum Beispiel habe ich sie mit einem romantischen Picknick im Grünen überrascht. Ich habe mal auf eine richtige Unterhaltung gehofft (sie spricht sonst nicht viel), aber Gühhr wusste nichts besseres zu tun, als den ganzen Abend mit ausgestreckten Armen den Kühen auf der Wiese hinterher zu laufen. Sie hat wahrscheinlich jede einzelne Kuh verscheucht, denn als wir gingen hörte ich keine mehr.

Du wirst jetzt vermutlich denken, ich übertreibe. Und Du hast Recht, ich sollte mich nicht von Details und kleinen Nichtigkeiten abschrecken lassen. Es liegt an mir, ich habe sie bisher immer auf Distanz gehalten, sie nie an mich ran gelassen. Ich sollte sie lieben für das, was sie ist.

Ich glaub ich probier’s. Wir sind nur einmal jung. Und heut’ Abend lass ich sie ran!

Trennung (gekürzte Fassung)

M: Begrüssung
F: Vorwurf
M: Entschuldigung
F: Vielsagendes Schweigen
M: Versuch eines Themenwechsels
F: Abwehr des Versuchs eines Themenwechsels
M: Schmoll
F: Selbstzweifel
M: Fiese Bestätigung der Selbstzweifel
F: Angriff aus dem Hinterhalt
M: Gegenangriff
F: Die Wahrheit
M: Schweigen
F: Schweigen
M: Zweckrationaler Vorschlag
F: Einwilligung und Überhöhung (Zynisch)
M: Missverständnis
F: Zorn
M: Trotz
F: Schweigen
M: Kleinlauter Kompromissvorschlag
F: Lüge
M: Abschied
F: Abschied